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"Säbeltanz" - Russiche Musik des 20. Jahrhunderts

"Zehn Konzerte in der Hospitalkapelle Treysa - Zehn Annäherungen"

Nachgedanken zu dem Konzert am 04. September 2010

Mit russischer Musik des 20. Jahrhunderts stand im zehnten Hospitalkonzert Literatur auf dem Programm, die nicht nur aufgrund ihres eigenen Wertes sondern ebenso auch aufgrund ihrer Berechtigung für das Besondere als Vorgabe für die Konzertreihe „Neues in alten Räumen“ ein kleines Jubiläum markieren sollte. Der Rückblick auf dieses und die neun vorausgegangenen lässt unzweifelhaft die Erkenntnis zu, dass in allen Konzerten vom Publikum etwas abverlangt wurde und von allen bisher beteiligten Musikern etwas geboten wurde, das es so in der Art in der Schwalm noch nicht gab. Von einzigartigen Kompositionen über einzigartige Bearbeitungen bis hin zu einzigartigen Musizierleistungen hat letztlich Musik hier Menschen zusammengebracht, die sich ohne dieses Angebot nicht gefunden hätten. Ein Publikum, das bereit ist, zu kommen, weil es etwas Neues kennenlernen möchte und Musiker, die bereit sind, auch von fern in das musikkulturell nicht unproblematische Kleinod des schwälmerischen Treysas zu kommen, hatte in der besonderen Architektur der alten Kapelle zehnmal die Chance, in die Tiefen von Musiken zu tauchen, die es abseits der vertrauten Klänge alltäglicher Musikunterhaltung zu finden galt.

Es war keine leichte Entscheidung, diesmal den Schritt zur sog. Ernsten Musik des 20. Jahrhunderts zu wagen, zumal das Publikum die Kapelle bis auf den letzten Wendeltreppenplatz füllte. Die Gefahr, dass Hörgewohnheiten beim Publikum und dem, was Komponisten im 20. Jahrhundert geschaffen haben, keine ausreichende Schnittmenge finden, hat gerade diese „ernste“ Musik des 20. Jahrhunderts ebenso wie Entwicklungen des modernen Jazz hervorgerufen, in Kauf genommen oder nicht einkalkuliert.
Deshalb bleibt bei vielen Musikhörern im 21. Jahrhundert ein pauschales Bild über die „Neue Musik“, „Moderne“, „Avantgarde“, „Modern Jazz“ oder einfach Musik des 20. Jahrhunderts:  Mangelnde Melodik, fehlende Harmonie, eigenwillige Rhythmik, unvertraut, alles in allem schroff, grotesk, unsentimental.

Gleichzeitig muss jedoch festgestellt werden, dass es im Rückblick keine Zeitspanne gegeben hat, die eine solche Fülle an Vielfalt und Qualität in allen Sparten der Künste erzielt hat, wie das 20. Jahrhundert. (Ob sich die vielen Musiker und Komponisten des Jahrhunderts noch ein letztes Mal der großen musikalischen Errungenschaften der vorigen Jahrhunderte mit ebenso hohem Respekt wie Kompetenz bedient haben, soll an dieser Stelle allerdings nicht bedacht werden.)

Der Musik- bzw. Kunstliebhaber gerät jedoch nicht selten dabei unweigerlich in ein Dilemma: Die Vielfalt, die nicht zuletzt auch ihren Nährboden in den modernen Konservierungs- und Übertragungstechniken hat, führt zur Ohnmacht bei den Hörern. Rückzug in die vertrauten alten Nischen, Verharren bei dem, was einst schön war, ist oft die Folge.

Wer nicht „am Ball bleibt“, wird es auch in den Künsten immer schwerer haben, die Entwicklungen mitverfolgen und verstehen zu können.
(Eine Erkenntnis, die uns eher im Umgang mit modernen Medien- und Kommunikationstechniken in immer kürzer werdenden Zeitabschnitten bewusst ist.)

Ein Aspekt im Umgang mit Musik ist für mich immer wieder die Frage, was bringt es,  sich Neuem bzw. Unbekanntem zu öffnen?

Glücklicherweise ist die Musik, von der wir hier sprechen, immer noch etwas von Menschen Geschaffenes: Die über 100 Sinfonien Haydns, über 40 Mozarts, 9 Beethovens, 4 Mendelssohns und 15 Schostakowitschs – um nur eine wirklich kleine Auswahl großer menschlicher Leistungen in der Musik zu nennen. Alle sind sie neben unzähligen anderen Kompositionen (an diesem Abend für Klavier) einzigartige, von Hand geschaffene kunstvolle Meisterwerke, die immer in einem unzertrennbaren Dreiergefüge zwischen Komponist, ausübendem Musiker und Hörer stehen. (Mit Hörer sei hier ein mehr oder weniger repräsentativer Teil unserer Gesellschaft gemeint).  Dadurch, dass die Musik, von der wir hier sprechen, durch jedes neue Musizieren immer wieder neu lebendig und nie alt wird, ist sie immer Teil unseres Lebens, sofern wir sie mit einbeziehen wollen. Sie spiegelt dabei etwas von dem Leben des Komponisten und der Zeit, in der sie entstanden ist, wider, ist aber auch - in dem Moment, in dem sie aufgeführt wird - gleichzeitig ein Abbild der Gegenwart. Sie wird für einen Moment Mitgestalter unseres Daseins!

Das kann sie durch reines Spiel mit den Tönen (so wie es ein abstraktes Gemälde mit seinem Farbspiel uns vor Augen führt), sie kann uns aber auch etwas mitteilen wollen, das über die rein musikalischen Gedanken hinaus geht.

Dieses Mitteilen durch die sprachlichen Möglichkeiten der Musik bedarf dem Verstehen - Können auf der Hörerseite. Sonst wird die Musik zur unverstandenen Fremdsprache.

„Mit der ganzen Seele Russlands“

Diese Aussage zeigt genau eine der möglichen Inhalte, die Künste (hier die Musik) mit ihren sprachlichen / klanglichen  Möglichkeiten weitergeben können. Hier wurde durch die dargebotene Musik, von Prokofjew, Schostakowitsch, Rimski-Korsakow, Shedrin  und all den anderen etwas vorgeführt, das mit Worten so nicht bzw. nur bedingt beschreibbar ist.

Die fast etwas plakativ anmutende Überschrift zur Sandra Roses Konzertrezension in der HNA („Mit der ganzen Seele Russlands“) verweist letztlich doch auf eine Dimension von Musik, die jenseits rationaler Erfassbarkeit und höchster Beherrschung spieltechnischer Anforderungen liegt. Die Seele einer Musik, eines Landes - einer Dimension, die man nicht gänzlich erfassen kann, der man sich jedoch annähern kann.

Die Kompositionen des Abends sprachen etwas von dem Denken und Fühlen großer Menschen eines Landes. Sie haben dabei ihre eigenen, unverwechselbaren musiksprachlichen Mittel gezeigt. Dass ihre Komponisten, insbesondere Schostakowitsch, den Wohlklang mehr als beherrschen konnten, war in der Eröffnungsmusik des Konzertes nicht zu überhören. Es war für uns alle, Publikum wie Musiker (Markus Euler, Daphne Meyreiß, Annika Reitz, Nils Gläsel, Christoph Knöppler, Alexander Urvalow, Stefan Reitz) eine wahre Freude, die energiegeladene und ebenso sentimentale Musik aus Schostakowitschs Jazz-Suite Nr. 2 musizieren und hören zu können. Auch die programmatische Aufforderung, den Flug einer Hummel, welcher von dem Insekt selbst vermutlich als leichteste seiner Lebensbewältigungen verspürt wird, wurde von Markus Euler in perfekter Abwägung zwischen Tempo, Lautstärke und Atmung mit meisterhafter Beherrschung auf der Klarinette vorgeführt.

Doch die Klavierwerke von Prokofjew und Schostakowitsch sprachen eine andere Sprache. Dass die für den Abend ausgewählten russischen Komponisten für ihre eigene, persönliche Musik noch viel mehr an klanglichen, dynamischen, rhythmischen und satztechnischen Besonderheiten bedurften, führte mit Prokofjew Sonate Nr. 2, dargeboten von Viktor Urvalow, zu einer großen Herausforderung an die Hörer und an die technischen und interpretatorischen Ansprüche des Pianisten.

Nein: Es war nicht das vertraute Dur oder Moll, es waren nicht die vertrauten Motive, die sich immer wieder nach den Wünschen des Hörers fortsetzten. Wem an dieser Stelle nicht bewusst war, dass die Künstler – hier Komponisten – des 20. Jahrhunderts sich längst nicht mehr der Erfüllung platter Hörbedürfnisse verpflichtet fühlten, sondern vielmehr der Kunst ihre eigene Sprache und damit ihren eigenen Wert wiedergegeben hatten, dem durfte der Einstieg in die Klavierwelt der großen russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts möglicherweise nicht leicht fallen.

Und trotzdem war es möglich: die schrittweise Annäherung in eine noch ungewohnte Welt der Musik. Mit einigen knappen Hinweisen durch die Solisten konnte das Publikum etwas von dem erfahren, was gemeint ist: Die Ironie, die Kritik, der Umgang mit traditionellen Formen und Harmonien, das Andere, das Neue. So wurde mit der von Viktor Urvalow meisterhaft präsentierten Klaviersonate von Prokofjew und den zwei polyphonen Stücken von Shedrin, insbesondere dem Ostinato, mehr als deutlich, dass es sich hier um eine Art von Musik handelt, die sich nicht kompromisslos zum Publikum herunterbiegt. Eine Musik, für die sich das Publikum öffnen und strecken musste, um etwas von dieser unbeschreibbaren beseelten Welt von Musik erleben zu können - besser: zu dürfen.

Gerade die Klaviersonate Nr. 2 von Schostakowitsch, mir der Alexander Urvalow den zweiten Konzertteil nach der Pause bestritt, zeigte durch die Unterstützung anschaulichen Erläuterungen ungeahnte Tiefen und innere Zusammenhänge und ließ alle etwas von dem Unbeschreibbaren spüren, was Musik sein kann. Hier wurde noch mehr deutlich, dass musikalische Logik und Konstruktion in der Komposition und der Einbezug des Geistes und der Ereignisse der Entstehungszeit (1942/43) sich zu einem, nur so durch die Musik möglichen einzigartigem Ganzen erheben kann.   

Leider kann man ein Experiment nicht durchführen: Ein unvertrautes Stück im Konzert häufiger hören oder ein an sich vertrautes Stück so hören, als ob es das erste Mal sei.
Was ist gemeint? Das Motto-Werk des Konzertes, der Säbeltanz, stellte – absolut gesehen – die wohl provokanteste, unharmonischte,  unmelodischte und unsensibelste Komposition des Abends dar. Dennoch: Die bestimmte Vorstellungen beim Hörer hervorrufende Überschrift „Säbeltanz“  (Genaueres siehe unter http://de.wikipedia.org/wiki/Säbeltanz) und der Bekanntheitsgrad der Komposition ließen zum Ende des ersten Konzertteiles Publikum und Musik wieder ganz eins werden, sodass noch eine verkürzte Zugabe mit demselben Werk notwendig wurde.  

Ausblick

Musik verstehen und damit auch tiefer empfinden können, geschieht immer auf zwei Ebenen: die Ebene der Gewohnheit (häufigeres Hören macht noch ungewohnte Musik zunehmend vertrauter) und die Ebene des Verstehens der kompositorischen Zusammenhänge und musikalischen Logiken, die übrigens auch bedingt über Gewohnheit angeeignet werden können.

Besitzt man von dem einen oder anderen oder von beidem etwas, wird einem Musik, die nicht rein wohlklingender Unterhaltung dient (und diese Berechtigung hat Musik auch), verständlicher. Allerdings ist dies verbunden mit Mühe, Zeit und in der Regel auch mit Geld. Mann muss sich immer wieder, egal ob in kleinen oder großen Abständen den Kunstwerken öffnen. Der wiederkehrende Besuch eines Konzertes, einer Oper, eines Ballettabends, eines Liederabends, eines Klavierabends, eines Jazzkonzertes, eines Schauspiels, einer Gemäldeausstellung usw. (die Reihe mag nicht enden) ermöglicht diese Annäherung. Dass eine Einbeziehung künstlerischer Kulturleistungen in die eigene Lebensgestaltung ein mühevoller Verdienst der Aufklärung im 18. Jahrhundert und bis vor einigen Jahrzehnten immer noch erstrebenswertes Ziel in der Menschwerdung war, ist heute in eine fast ausweglose Krise geraten. Bereits jetzt bleiben weite Teile der 70er und 80er-Generationen in Unkenntnis der Errungenschaften ihrer abendländischer Kultur obengenannten Veranstaltungen fern. Blickt man auf künftige Generationen, so steht bereits jetzt fest, dass die sog. Ökonomisierung von Bildung und damit einhergehend der Abbau der an sich selbstverständlichen Beteiligung kulturbildender Fächer an Bildung hier eine neue Dimension antikultureller Gesellschaftlichkeit im Land der Dichter, Denker und Komponisten herbeigeführt wird.
Übrigens: Das Bereichern des eigenen Lebens und einer Gesellschaft z. B. mit Künsten o.g. Sparten erbringt einen besonderen Mehrwert, der ausnahmsweise nicht besteuert wird!

Mut

Das muss nach zehn Konzerten an dieser Stelle gesagt werden: Zehn besondere, erstklassige Konzerte in der Hospitalkapelle Treysa bedeuten, dass hier nicht nur ein mittlerweile treues, interessiertes und engagiertes  Dauerpublikum entstanden ist. Bei durchschnittlich 90 Hörern wurde sich insgesamt etwa 900mal (!) besonderen Herausforderungen unserer hoch entwickelten Musikkultur gestellt. Jedes Mal war es – für jeden auf seine Art – eine Annäherung an Musik, die in ihrer Ganzheit zwar nie vollends erreicht werden kann, aber immer wieder nach Fortsetzung ruft. Das Publikum dieser Hospitalkonzerte zeigt sich immer wieder aufs Neue als ein aktives Publikum, das Neues kennenlernen und (wie in diesem Konzert) Altes aber Unbekanntes nachholen möchte. Dieser Weg zum Konzert und diese Hörerhaltung ist z. B. vergleichbar mit dem Erlernen eines Musikinstrumentes: Es macht Mühe, es verbraucht Zeit und es kostet Geld. Wenn alles in richtigen Bahnen verläuft, wird man einen kleinen Teil von Musik erlernt, verstanden, erlebt haben. Diese Annäherung ist eine persönliche Bildung abseits materieller Notwendigkeiten und ein unvergleichbares Stück Lebensqualität.  

Danke

Danke an die Stadt Schwalmstadt. Möge sie auch künftig diese Weitsicht für ihre Bewohner in der Region haben und die Konzertreihe mit ihren möglichen und für uns notwendigen Mitteln unterstützen. Die Qualität und die Vielfalt kultureller Angebote gehen immer einher mit der Attraktivität einer Stadt / Region und stärken damit abseits wirtschaftlicher Primärinteressen den Wohnwert und die Lebensqualität vor Ort.

Danke an ein offenes, lieb gewonnenes Publikum, das nicht nur durch Interesse sondern auch durch die Bereitschaft geprägt ist, die Konzerte durch Eintrittsgelder zu ermöglichen, hier einen wesentlichen Beitrag für sich und für die Musik leistet. Trotzdem: Wiederkommen, Weiterempfehlung, und Bereitschaft, die Konzerte finanziell angemessen zu honorieren, sind drei notwendig Säulen, ohne die künftige Konzertangebote dieser Art nicht überleben können.

Danke an diejenigen, die nicht nur Publikum sein wollen sondern darüber hinaus auch immer wieder mithelfen möchten: Von der Organisation über Werbung, Pflege der Homepage, Herrichten der Räumlichkeiten, Mitarbeit bei der schönen aber auch notwendigen Bewirtung und Unterstützung in allem, was an dieser Stelle vergessen wird.

 

Stefan Reitz