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Tritorn - Sonne, Mond und Sterne

"Kann man Lieder zersingen"

Nachgedanken zu dem Konzert am 20. Februar 2010

Ein besonderes Phänomen der Akustik ist das sogenannte Zersingen. Gemeint ist damit die Fähigkeit, mittels der menschlichen Singstimme Glas zum Zerspringen zu bringen. Manche kennen dieses Phänomen von dem kreischenden kleinen Oskar aus der Blechtrommel oder Montserrat Caballés  Zersingen von Parfüm-Fläschchen.
Ob es physikalisch tatsächlich möglich ist, hat man erst in jüngster Zeit tatsächlich versucht, zu beweisen:

"Im Prinzip ja", sagt Prof. Helmut Fleischer von der Universität der Bundeswehr in München. Jeder Gegenstand kann in Resonanz geraten und dabei im Extremfall sogar zu Bruch gehen, wenn er mit einer seiner Eigenfrequenzen zum Schwingen gebracht wird. Dieses Phänomen wird auch als Resonanzkatastrophe bezeichnet. Ein bekanntes Beispiel ist ein Trupp Soldaten, der im Gleichschritt über eine Brücke marschiert und diese dadurch zum Einsturz bringen kann. "Beim Wein- oder Fensterglas kann dies grundsätzlich durch Luftschall geschehen. Allerdings muss dabei die Frequenz genau getroffen, lange genug gehalten werden und die Anregung so stark sein, dass ausreichend Energie in das Glas eingebracht wird", erklärt Prof. Fleischer weiter. In diesem Fall kann sich die Schwingung derart aufschaukeln, dass schließlich das Glas zerspringt.

Der SWR (Südwestrundfunk) ist im Rahmen seines Multimediaprojekts „Warum“ der Frage ebenfalls wissenschaftlich nachgegangen, und hat seine Ergebnisse in einer kurzen Filmsequenz dokumentiert.
Das Ergebnis lautet: Niemand kann Gläser zersingen. Aber der durch einen Tongenerator erzeugte Ton bringt das Glas zum Zerspringen. Der Ton muss dieselbe Höhe haben wie das Glas bzw. seine Eigenfrequenz und vor allem sehr laut und lang sein.

Kann man auch Lieder zersingen?

„Im Prinzip ja“, sage ich. Jedes Lied kann im Extremfall sogar zu Bruch geraten, wenn es im Chor größerer Menschenscharen zum Vortrag gebracht wird. Dieses Phänomen kann dann auch im übertragenen Sinn mit einer Resonanzkatastrophe enden. Vertraute Beispiele kennen wir aus dem Umfeld regionaler Kirchweihfeste während der Sommermonate. Hunderte Personen zählende Menschenmengen, die sich im vielstimmigen Gesang einschlägiger Volks- und Stimmungslieder gebärden, schaffen es insbesondere mit Hilfe narkotisierender Getränke immer wieder, altbekanntes Liedgut bezüglich der Melodik und der Textinhalte in eine der Musik an sich nicht mehr würdig erscheinenden Art zu interpretieren. Durch diese besondere Art der Reproduktion und damit Überlieferung von Liedern schleichen sich Veränderungen sowohl im Lied an sich als auch im Verhältnis der Menschen zu ihren Liedern ein. In der wissenschaftlichen Volksliedforschung kennt man dafür schon lange den Begriff des Zersingens. Schlager und bewusst komponierte Stimmungslieder tragen dabei keine ernsthaften Schäden davon. Werden dabei aber traditionelle Volkslieder mit angestimmt, also Lieder, die insbesondere aus den Bedürfnissen und Gefühlen des Volkes vom Mittelalter bis in die Romantik des 19. Jahrhunderts entstanden sind, so kann dabei selbiges Liedgut in seiner ursprünglichen Absicht zerstört werden.

Ja, es ist passiert. Das Lied, genauer gesagt, das Volkslied wurde insbesondere in den letzten Jahrzehnten von seinen eigenen Fans nicht immer pfleglich behandelt.
All zu oft musste es als Stimmungsaufheller bei Feiern, Festen und volkstümlichen Fernsehformaten herhalten. Der uns allen bekannte singende Bäckermeister mit Sonnenbrille und all seine Gefolgen der volkstümlichen Quotenbrecher, die hier namentlich nicht noch einmal extra hervorgehoben werden müssen, haben das Problem der Volksmusik und insbesondere des Volksliedes möglicherweise nie erkannt, aber es wirtschaftlich nutzbar gemacht: Das Volkslied drückt an sich ein Urbedürfnis des Volkes aus, Gedanken, Erfahrungen und Gefühle aus dem Leben in einfachen musikalischen Formen durch Selbstsingen ausdrücken zu wollen und zu verarbeiten. Insbesondere das Singen bei schwerer Arbeit, das Mitteilen von Nöten oder urmenschlichen Problemen, das Besingen von Freude und Lebenslust, das gemeinsame erleben von Heimat oder Ferne. Die heutige Zeit kennt diese ursprüngliche Nützlichkeit und Notwendigkeit der Volksmusik nicht mehr.

Tonträgerindustrie und Fernsehanstalten haben gleichzeitig längst den Freund der Volksmusik entmündigt. Heile Welten im Rausch von Terzen und Sexten, deren Wohlklang optisch immer wieder durch Sangespärchenverschnitte wie Gitti und Erika („Terz“) oder Marianne und Michael („Sexte“) eine real niemals existierende Wohlfühlwelt des Volksliedes suggerierten, haben das untrennbar ans Volkslied gebundene Selbstsingen durch Mitsingen oder Singenlassen ersetzt. Dadurch stirbt ein an sich lebendiges Liedgut, das in über sechs Jahrhunderten entstanden ist, aus.

(Nebenbei bemerkt: Diese Entwicklung gilt nicht nur für die Volksmusik und das Volkslied im engeren Sinn. Alle Musiksparten, insbesondere die Klassik, sind davon betroffen: Je bequemer die Möglichkeiten geworden sind, sich Musik als Passivhörer über Tonträger zugänglich zu machen, desto mehr verzichten die Menschen darauf, Musik selbst zu machen. Hinzu kommen noch unzählige konkurrierende Angebote der modernen Freizeitindustrie. Perverserweise bejubeln Millionen von Menschen in Castingshows halbwüchsige Sängertalente, die vor der Kamera genau das tun, was eigentlich jedem Menschen möglich ist. (Gemeint ist hier das Singen, nicht das Sich-Seelisch-Entblösen-Lassen vor laufender Kamera.)

Allerdings – das muss gesagt werden: Der Nutzen der modernen Musiküber-tragungs- und speichermöglichkeiten besteht  für denjenigen, der richtig damit umgehen kann, ungeachtet aller Kritik ebenso wenn nicht weitaus höher!)

Zurück zum Volkslied

Die positive Freude beim gemeinsamen Singen beflügelt zweifelsohne freundschaftliches Miteinander. Bereits die alte Drillingsformel Wein, Weib und Gesang scheint eine beliebte rauschhafte Lebenshaltung in einem Dreiklang besonderer Art zum Ausdruck zu bringen. Das Liedgut im beschriebenen Umfeld entstammt nicht selten der Volksmusik, der volkstümlichen Musik und im engeren Sinn dem deutschen Volkslied-Bestand.

Warum muss das Volkslied immer wieder für oben genannte Situationen herhalten?

Ich sehe mehrere Gründe: Zum einen ist es eine Musik, die in gesungener Form aus dem Herzen eines Volkes heraus entstanden ist und somit weiten Menschenkreisen vertraut ist. Wirklich vertraut? Vertraut sind oft markante Melodien oder melodische Wendungen – allerdings drängen diese sich in der Regel vor den Textinhalt. Texte oder Textzusammenhänge werden schneller vergessen.  Zum anderen beinhaltet das Volkslied nicht selten Textinhalte und Melodien / Rhythmen, die zum gemeinsamen Gesang ermuntern (z. B. Trinklieder, Wander- und Fahrtenlieder, Schunkellieder).
Leider sind viele Volkslieder, die unzählige an sich ernste Lebenssituationen beschreiben (Verlust eines geliebten Menschen, Verlassen der Heimat, enttäuschte Liebe, Krankheit, Krieg usw.) bezüglich der Melodik den oben genannten Liedern sehr nah. Sie eigenen sich ebenso zum Schunkeln, Mitklatschen, Polonaisieren. Dabei passiert jedoch etwas Gefährliches, das ein ukrainisches Sprichwort auf den Punkt bringt: „Wenn die Musik erklingt, ist der Verstand in der Trompete“ . Meint: Wenn der Gesang erklingt, wird nicht mehr darüber nachgedacht, was gesungenen wird. (Siehe auch Musik im Dritten Reich).

Das Gruppenmusizieren / -singen drängt sich hier vor den eigentlichen Inhalt des Liedes. Melodien, Motive, Texte und Textfetzen von Volksliedern werden in der oben beschriebenen potenzierten Art des Gruppensingens zum Selbstzerstörer. In der Musikterminologie nennt man das Zersingen eines Liedes. Nicht selten verändern sich dabei auch die Melodien und Textinhalte und werden der jeweiligen Festsituation angepasst. Dieses Phänomen tritt dann auf, wenn viele Menschen in gleicher Absicht das Lied mit seinen eigenen musikalischen und textlichen Inhalten dauerhaft besingen. (Zur Erinnerung: „Der Ton muss dieselbe Höhe haben wie das Glas bzw. seine Eigenfrequenz und vor allem sehr laut und lang sein.“)

 

Das Volkslied ist längst aus seiner ursprünglichen Idylle herausgerissen. Der Gesang bei der Arbeit auf dem Feld, das Lied der Frauen in der Spinnstube, das unzählige Ermahnen in Liedtexten zu Redlichkeit, Frömmigkeit, Aufrichtigkeit in der Liebe, das einrahmende Besingen des Tageslaufs mit Morgen- und Abendliedern hat längst seinen Platz im Bewusstsein einer breiten Bevölkerungsschicht frei machen müssen, die fremdgesteuert der massenmedialen Musikberieselung dahinopfert.

Vordergründiger Trost versprechen die Sendungen nach Musikantenstadl-Manier Lustige Musikanten oder einige Beiträge von HR 4.
HR 4 ist in Hessen der Sender mit der dritthöchsten Einschaltquote ( nach HR 3 und FFH – auch bedenklich). Musikantenstadl liegt immer unter den Top 10 (neben Wetten dass, Tatort, u.a.). Hier dient das Volkslied der ausnahmslos kommerziell motivierten Unterhaltung. Wenn man nicht mehr selber singt, lässt man eben singen.
Auch die Plätze, in denen Volkslieder auf hohem laiensängerischen Niveau in unzähligen Männer- und Frauenchören seit dem 19. Jahrhundert gesungen wurden, scheinen nicht mehr ausreichend besetzt zu sein. Die Gründe sind mit Sicherheit nicht ausschließlich in einer sich stets verändernden Gesellschaft zu suchen.
Man kann auch fragen: Warum haben es die Liebhaber des Volksliedes nicht geschafft, ihre Musik in einer würdigen Weise selbst zu musizieren bzw. zu singen und am Leben zu erhalten?

Es ist dringend an der Zeit, dass über unser Verhältnis zur Musik wieder gesprochen wird! Musik muss wieder ernst genommen werden. So wie das Volkslied einst Abbild eines selbstverständlichen persönlichen, häuslichen, dörflichen Musikzierens war, so sehr, wie sich unzählige Menschen immer wieder darum bemüht haben, diesen Weg auch mit der Kunstmusik in die Häuser der Menschen und auf die Bühnen für alle zu bringen, so sehr stehen wir heute vor dem Aussterben beispielsweise einer Klavierindustrie, eines qualifizierten Laienchor- und Laienorchesterwesens, eines frühen selbstverständlichen Lernens von Musikinstrumenten. (Warum genügend andere Länder, die auf weitaus weniger materiellen Wohlstand zurückblicken, uns diesbezüglich oft das Gegenteil zeigen, müsste an anderer Stelle bedacht werden.)

Ein allzu mutiger und ernster Rückgriff auf das Volkslied haben Anke Jochmaring, Sven Hinse und Carsten Daerr mit ihrer Formation TRITORN anlässlich des 8. Hospitalkonzertes am 20.02.2010 in der Treysaer Hospitalskapelle gewagt. Mit besten musikalischen Tugenden für eine große Jazz-Karriere ausgerüstet, haben sie ein Konzertprogramm mit Adaptionen bekannter Volkslieder erarbeitet. Dabei stand die Jazz-Musik mit ihren Freiheiten den ausgewählten Liedern so anders nahe, dass jegliche Verblassung durch Stadl & Co vom ersten Ton an vergessen war. So, wie jedes von Anke Jochmaring besungene Lied an sich schon viel zu sagen hatte, umso mehr wurde es durch die programmatische Aufarbeitung Carsten Daerrs am und im Klavier und Sven Hinse Kontrabassspiel mit unglaublicher Energie und Expression lebendig gemacht. So ungewohnt zunächst mache Introduktionen wirkten, so sehr schloss sich doch bei jedem Lied der Kreis der Interpretation. Heiterkeit und Ernsthaftigkeit, Wildes und Intimes, provokant Verzerrtes und ironisch Versimpeltes prägten die mehr als kunstvoll und fachlich durchdachten Arrangements der Lieder. Dass dabei die Dynamik einer Live-Jazz-Darbietung in faszinierender Improvisationskunst insbesondere von Carsten Daerr am Klavier begeisterte, konnte einmal mehr zur Freude aller aufgeschlossenen Konzertbesucher werden. Wie bisher immer konnte auch diesmal ein besonderes Trio auf einen Kontrabassisten setzten, der es mit jedem Ton seines Spiels verstand, die Spiel- und Singweisen der anderen nicht einfach nur mitzumachen sondern zu führen und stets mit neuer Kraft zu füttern. Sven Hinse zeigte sich als Meister seines Instrumentes und seiner Arrangements!
Es gab viele musikalische Facetten in diesem Konzert. Dass keine davon einer anderen nachstand, dass nichts nach Wiederholung oder Effekthascherei roch, war eine der ganz großen musikalischen Leistungen von Anke Jochmaring an diesem Abend. Sie wusste mit ihrer Stimme in feinster Weise jedem Lied und insbesondere den besonderen Bearbeitungen gerecht zu werden. Es war eine Meisterleistung, mit welcher Bandbreite an Emotionen sie Lieder sowohl fast in priesterlicher Würde  sang (ein posthumer Dank auch an den Baumeister der Kapelle...) oder mit dem schier unerschöpflichen Potenzial ihrer stimmlichen Macht das deutlich machte, was zu sagen (singen) war.

Es war kein Zersingen des Liedes. Nein, es war genau das Gegenteil: Das Lied, einst im Volkston gedacht, wurde hier auf eine kunstvolle Ebene erhöht, die eine andere Sprache der Vermittlung suchte, als das gebrauchsmäßige Mitsingen, Mitklatschen oder Singenlassen.
Ein unvergessliches Konzert hat dem interessierten Hörer viel Mut zu neuen Hörweisen und Sichtweisen  verschaffen können. Auch wenn das Volkslied seinen einstigen Platz vielerorts aufgeben musste, so gibt es doch heute so unglaublich viele neue musikalische Ideen und Musiker, dass es sich lohnt, diese kunstvollen neuen Nischen, die jede Veränderung automatisch mit sich bringt, zu suchen und  kennen zu lernen. Schön, dass es immer wieder solche herausragenden Musiker gibt! Schön, dass sie den Weg nach Treysa in die Hospitalskapelle gesucht haben.

(Ich wär ja so gern noch geblieben, aber .....)

Stefan Reitz

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