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Steve Dobrogosz - MASS

"E i n e Musik"

Nachgedanken zu den Konzerten am 30./31. Oktober 2009

Die Hinterfragung von Musik, was sie wohl sei, ist so alt wie sie selbst. Ihr Ursprung wird in der erfassbaren Geschichte der Menschen den Planetenbewegungen, den Göttern, dem Gott oder dem Mensch selbst zugeschrieben - je nach Zeit und Sichtweise.  Durch die Möglichkeit der Verschriftung von abendländischer Musik seit dem frühen Mittelalter hat sie sich - nur in diesem Kulturraum - zu einer eigenen Kunstform entwickelt, die in ihrer Vielfalt heute nicht mehr gänzlich erfassbar ist und immer wieder zu neuen Verwunderungen führt.

Die Überwindung der Zeiten, in der Musik nur gehört werden konnte, wenn man sie selbst spielte oder sang bzw. jemanden dabei zuhören konnte, hat nach meiner Ansicht eine regelrechte Ohnmacht des heutigen „Musikkonsumenten“ hervorbringen müssen. Wer vermag schon behaupten zu können, dass er sich in der heutigen Zeit in dem gesamten Musikangebot von Hausmusik über Live-Konzerte, freiwillig gehörter Musik aus Konserven bis hin zu unfreiwillig gehörter Musik aus den Lautsprechern des Nachbarn, des Kaufhauses, des Restaurants usw. gut auskennt.

Ich beobachte bei vielen Menschen tatsächliche „Ohnmacht“. Sie stehen „ohne Macht“ dem riesigen, unermesslich großen Musikangebot gegenüber, der bis heute entstanden ist. Wie sehr sind wir gleichzeitig infolgedessen abhängig geworden von den Anbietern der Tonträgerindustrie, des Internets und der Vermarkter von Live-Konzerten jeglichen Genres?
In dieser ohnmächtigen Situation gibt es verschiedene Möglichkeiten, zurechtzukommen. Ich sage schon jetzt: Alle Wege sind akzeptabel und für den betroffenen Hörer in Ordnung, sofern er sich selbst dabei wohlfühlt, keinen Schaden nimmt und andere nicht in Mitleidenschaft zieht. Eine Reflexion über Hörertypen soll jedoch in späteren Nachgedanken Einzug finden.

Mein Weg, dem Ganzen begegnen zu können, heißt Öffnen und Filtern. Herausfinden, was Musik ist, was gute Musik bedeuten kann und wie man über gutes Musizieren eben solche erzielen kann. Das ist eine Lebensaufgabe, die man nach meiner bisherigen Einschätzung nie zum Abschluss bringen kann und deshalb immer wieder neu an die nächsten Generationen weitergeben muss. Immer wieder habe ich festgestellt, dass sich das Öffnen zu noch unbekannten Bereichen von Musik gelohnt hat. Dabei entwickelt sich ein zunehmend differenziertes Wahrnehmen, Verstehen, Empfinden für Musik. Gleichzeitig entstehen immer neue, sensible Filter, die ausklammern, was nicht sein muss und hineinlassen, was interessant ist und mich dem Wunderbaren oder Verborgenen von Musik näher bringen. Wohlgefallen, Freude und Begeisterung beim Hören von Musik zu empfinden, hängt für mich nicht von der Musikart – im weitesten Sinne von Pop, Rock, Klassik, Jazz oder Folk – ab.

Herausgefiltert werden andere Dimensionen von Musik, die nichts mit stil- oder personengebundenem Schubladenhören zu tun haben und vielmehr sich dem Nähern, was Musik ist, sein kann oder weiterhin verborgen hält.  
Es ist beispielsweise der Klang einer menschlichen Singstimme, die besondere sensible Spielweise eines Instrumentes, die einmalig gelungenen Ideen eines Hits, die besonderen Akkorde, die tiefgründig versteckten Gedanken einer nur scheinbar verkopften Sinfonie oder Kammermusik, die Zusammenhänge zwischen Musik und Textaussagen, das Verstandenhaben einer Musik usw.

Ich nähere mich dabei nicht nur Antworten der eingangs gestellten Frage, was Musik ist. Vielmehr entwickele ich beim Erkennen der genannten Besonderheiten immer wieder neue Freude im Umgang mit ihr.

Es klingt zwar paradox, aber tatsächlich bedarf es bei dieser, etwas anderen Einstellung gegenüber Musik sehr viel Offenheit für Anderes und Neues, sonst könnten auch anschließend keine Filter sinnvoll wirksam werden. Ich gebe gerne zu, dass auch ich meine Lieblingsmusiken habe. Allerdings ist Musik immer ein Lebensbegleiter und Lebensmitgestalter. Das verlangt ein ebenso lebendiges wie entwickelbares und veränderbares Bewusstsein bei meinen Hörbedürfnissen.

Ganz in diesem Grundverständnis war auch das Programm des Hospitalkonzertes am 30. / 31.10.09 konzipiert, in dessen Mittelpunkt eine moderne Vertonung der uralten liturgischen Messtexte stand. Stilistisch ist das Werk „MASS“ von Dobrogosz nicht eindeutig einzuordnen. (Spätestens an dieser Stelle erkennt man die Begrenztheit traditioneller Musikbeurteilung und dem Sympathisieren-Wollen für eine bestimmte Musikart). 

Die Einstudierung folgte dem typischen Verlauf: Eine tolle Musik – die ersten Proben – schaffen wir das?! – dann die zunehmende Annäherung an das Ganze – die Einbeziehung der Instrumentalisten – zum Abschluss als Höhepunkt das Konzert. Viel Arbeit wurde neben dem normalen Alltag in 30 Minuten geballte Musik investiert. Neue Klänge und Rhythmen forderten den Projektchor, der an vielen Stellen auf reichlich Erfahrung unter den Schwälmer Hobbysängerinnen und -sängern setzen konnte. Aber auch Neues, das erst verstanden werden musste, prägte manche Probe. Ein waghalsiges Experiment musste der Instrumentalpart erfahren: Ursprünglich gesetzt für Klavier und Streichorchester musste aus räumlichen und finanziellen Gründen eine einmalige „Notlösung“ herhalten. Sie gelang zur Freude aller: Die Streicherpartien wurden durch Elisabeth Maikranz, Annika Reitz und der professionellen Führung Vladimir Pletners exzellent im Einklang mit synthetischen Streicherklängen, gespielt durch Thomas Bauser am Synthesizer, umgesetzt. Der stellenweise rhythmisch und harmonisch sehr anspruchsvolle Klavierpart lag ebenso in besten Händen: Der junge Wiesbadener Pianist Wilfried Sarajski konnte ihn meistern, weil er stilistisch offen ist. Er besitzt eine langjährige klassische Klavierausbildung und studiert derzeit Jazz-Klavier. Er versteht Klassik und Jazz, trennt nicht, sondern verbindet.  Das unkomplizierte Zusammenführen von seinem Part am Klavier und den abseits davon  geübten Chor- und Streicherpartien funktionierte so problemlos, wie man es nur selten findet. Alle Mitwirkenden fanden schnell zu einer Sprache der Musik.
Für das Konzert blieb die Hoffnung, alles, was wichtig war und im Laufe der Proben erkannt wurde, so dem Publikum zu präsentieren, dass es genauso wie bei uns Ausübenden ankommen konnte. Die Rückmeldungen haben bestätigt, dass es angekommen war. Wir als Musizierende haben es im Einklang mit dem Publikum genauso empfunden!  
Die eigene Sprache von MASS war mehr als unkonventionell eingebettet in einen Rahmen aus vier Kunstliedern und einer Klavierimprovisation über das Werk selbst.
Barbara Kupfer-Baumert hat mit ihrem Gesang der vier Lieder „Ave Maria“ (Battistini), „La Procession“ (C. Franck), „Vocalise“ (Rachmaninoff) und „Amen“ (S. Dobrogosz) nicht nur die ausgewählten Werke vorbildlich gesungen. Vielmehr hat sie uns allen die nicht in Worten fassbare Welt des Singens – dieser Art des Musizierens, die Mensch und Musik am unmittelbarsten verbinden, weiter gegeben. Sie hat damit vielen eine neue und besondere Dimension des Freudehabens an Musik ungeachtet der Art der Musik deutlich machen können. Für mich war es wieder einmal mehr eine große Freude, diesen wunderbaren Gesang am Klavier begleiten zu dürfen. Spätestens in Rachmaninoffs berühmter „Vocalise“ wurde allen klar, dass es eine übergeordnete Sphäre im Kunstgesang jenseits des Textinhaltes gibt, die bei aller Ehrlichkeit in der dargebotenen Weise als bewundernswert beschrieben werden kann. Das gelingt nicht immer in Konzerten, hier war das Erlebnis dafür umso schöner.

Nach einer gesprächigen Pause im angrenzenden Steinbau bei leckeren Weinen und Häppchen konnte man mit Spannung verfolgen, wie das „musikalische Material“ der MASS neu diskutiert wurde. Thomas Bauser bediente sich seiner Sprache, der improvisierten Mitteilung durch das Klavier. Dass er es kann, hat er schon oft für uns gezeigt. Seite über 15 Jahren trägt er dazu bei, dass die Sprachen des Jazz auch bei uns in der Schwalmregion gesprochen und gehört werden. Dass er sich an eine instrumentale Rezitation über die Messe-Vertonung von Dobrogosz in improvisierender Weise gerne herangewagt hat, zeigt einmal mehr, dass auch er Musik als ein übergeordnetes Ganzes versteht. Längst haben Jazz-Musiker für den Kenner die Grenzen zwischen den unzähligen Musikarten überwunden. Hier, im Hospitalkonzert in Treysa, konnte man das erfahren: Das, was Musik meint, mitteilt, erfreut, besinnt, irritiert, verärgert und wieder verzaubert. Alles wurde eine große Musik.

Der Mut, Hörgewohnheiten zu lockern, Neues zu suchen und erleben zu wollen, hat sich für jeden, der dabei sein konnte – egal ob als aktiver Musiker oder aktiver Hörer - gelohnt!  Auch künftig wird die Idee der Konzertreihe, Neues in alten Räumen zu präsentieren, jedem, der sein Musikverständnis in diesem Sinn pflegt oder erweitern möchte, einzigartige Eindrücke des Erlebten hinterlassen. Wir freuen uns auf die nächsten Konzerte!

 

Stefan Reitz

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