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Marc Brenken - Christian Kappe - Quartett

"Blumiger Vergleich"

Nachgedanken zum Konzert am 05.09.2009

Das Konzert von Marc Brenken und seinem Ensemble in der Hospitalskapelle am 05. September 2009 hat einen sehr wichtigen Akzent in unserer Reihe der Hospitalkonzerte setzen können und zudem eine Reihe spannender Quergedanken aufkommen lassen, von denen ich einige wichtige der interessierten Leserschaft im Folgenden hinterlassen möchte.

Musik ist nicht einfach etwas, das selbstverständlich existiert. Musik ist in sehr komplexen Zusammenhängen in menschliches Leben und in unsere Gesellschaft eingebunden. Es mag jedem selbst überlassen sein, ob er es bei dieser Erkenntnis einfach belässt und sich im Rausch von Terzen im Dreivierteltakt in eine andere Welt enthoben fühlt, oder ob er Sinn, Qualität, Notwendigkeit, Anspruch, Bedeutung, Verantwortung usw. gelegentlich hinterfragt und sich dabei die eine oder andere neue Nische dieser grenzenlosen, wunderbaren Kunst erschließt.

Musik wird, abgesehen vom eigenen Musizieren, überwiegend auf einem offenen Markt von Konzerten, Rundfunk- und Fernsehsendungen, Geschäften, Internetangeboten und privater Weitergabe an die Menschen vermittelt. Sowohl Anbieter als auch Hörer haben die Verantwortung für das zu tragen, was auf diesem Welt-Musikmarkt geboten wird. Entzieht sich der Hörer dieser Mitverantwortung in musikfachlicher Hinsicht, so muss er akzeptieren, was kommerziell orientierte Musikvermarkter werbewirksam an ihn heranbringen. Möchte er an dem, was geboten wird, kritisch teilnehmen, den Markt als etwas Lebendiges auch dahin gehend erleben, dass er eben die lebendige Vielfalt von Musik in Form von Anderem, Neuem, Ungewohntem sucht, so gibt er Musik und Musikern immer wieder neue Chancen, diesen Markt mit ideenreicher, lebendiger Musik zu erhalten. Ein Idealzustand, von dem beide Seiten nur profitieren können - sowohl die ausübenden Musiker und Komponisten als auch die Hörer.

Doch zunächst zu Marc Brenken und seinem Qaurtett. Sein klanglicher Einstieg in satte 90 Minuten Musik dürfte für alle Konzertbesucher überraschend und in seiner Art unerwartet gewesen sein. Es war seine Ouverture zu einem Konzertprogramm, das in bis dahin ungekannter Art Traditionelles und Experimentelles, Ernstes und Spaßiges, Wohltuendes und Schrilles, Bildhaftes und Abstraktes in solch genialer Weise zu einem kompositorischen Ganzen werden ließ, dass man als Kenner gerne andere Wertschätzungsbekundungen gesucht hätte, als nur Händeklatschen.

Was war so besonders?

1. Die Einigkeit der vier Musiker untereinander:

Marc Brenken am Flügel, Christian Kappe an der Trompete und am Flügelhorn, Alex Morsey am Kontrabass und an der Tuba, Marcus Rieck am Schlagzeug. Sie waren sich nicht nur im punktgenauen Zusammenspiel einig, nein vielmehr in dem, was sie mit ihren Instrumenten zu sagen hatten. Die zahlreichen bildhaften Vorstellungen und Inspirationen, die den Stücken zugrunde lagen, wurden in den Improvisationspartien immer im Blick behalten. Nie entstand universelles Pattern-Spiel, nie sprengte einer die immer gelungene Spannungskurve der einzelnen Werke. Diese Art von musikalischer Ausgewogenheit schätze ich als eine der höchsten Qualitäten guter Musik und guten Musizierens.

2. Die Beherrschung der Instrumente:

Es war für mich als Musiker bewundernswert entspannend, wie unkompliziert die Beherrschung der unzähligen subtilen klanglichen Möglichkeiten aller Instrumente neben virtuosem Bezwingen der Tasten, Ventile, Saiten und Felle stand. Nichts wirkte aufgesetzt oder überfordert. Es zeigte sich auch als vorteilhaft, das Schlagzeug in bisher unüblicher Weise seitlich rechts zu platzieren. Spannend war der Klang der Trompete und des Flügelhorns: für mich immer perfekt intoniert und in idealer Lautstärke. Die Akustik des alten Raumes zeigte sich von ihrer besten Seite!

3. Die gebotene Musik an sich:

Immer war es in der Musikgeschichte so, dass Komponisten von Vorbildern lebten, sie nacheiferten, kopierten und mit eigenem Dazutun die Musik wieder veränderten und weiter entwickelten. Wer glaubte, Kopien und Wiederholungen vertrauter Jazzklangwelten an diesem Abend erwarten zu können, musste leider enttäuscht werden. Und doch lebte in den neuen Ideen Marc Brenkens und seines Ensembles eine ganz besondere Sprache, die sich immer mehr dem Publikum verständlich machte. Ich persönlich hatte sie bereits ab dem ersten Stück lieb gewonnen. Sie fasziniert ähnlich wie die unzähligen Charakterstücke für Klavier von Robert Schumann, wenngleich auch mit ganz anderen Ausdrucksformen. Es waren Stimmungen, Begebenheiten und Bilder, die man eben nur in der Sprache der Musik derart darstellen kann.

Solche Musik fordert ein erweitertes Musikverständnis: Die Musik steht hier nicht mehr in dem erniedrigten Dienst, sentimental verklärende Klangwelten beim Hörer abliefern zu müssen, sondern erhebt den musikeigenen Anspruch, auch das Unerwartete, das Ungewohnte, das Unschöne, das Schmerzliche in eigener Sprache zum Ausdruck bringen zu dürfen.

Das ist unbedingt wichtig! Es wäre das endgültige Ende unserer langen, abendländischen Musikentwicklung – und kein einziger Kulturraum der Erde kann auf eine solche zurückblicken – wenn Komponisten und Musiker ihre Berechtigung und ihr Dasein nur in der Befriedigung platter Hörgewohnheiten sehen würden bzw. müssten. Marc Brenken und sein Quartett haben den Mut, Neues und Eigenes an die Hörer weitergeben zu wollen. Sie schwimmen damit gegen den Strom, den Mainstream und wirken wie eine selten Blume, die es gilt zu suchen, zu finden und zu verstehen! Wir in Treysa können stolz darauf sein, dass wieder einmal vier weit gereiste Musiker gerne zu uns gekommen sind und sich in den alten Gemäuern samt dem Publikum mehr als wohlgefühlt haben.

Der blumige Vergleich ist gefallen, ohne jedoch romantisch werden zu wollen: Es mag sein, dass es Menschen gefällt, ganze Plantagen einer Blumenart im Stil von Gartenschauen ersehen und selbst kultivieren zu wollen. Aber ist nicht der Garten, der neben den vertrauten Gewächsen immer wieder den Kontrast mit seltenen, ungewohnten oder gar unbekannten Blumen, Sträuchern und Bäumen aufweist, der interessantere. Das nährt Freude am Vertrauten ebenso wie am Besonderen! Auch hier gilt gleichermaßen: Der Kenner wird einen solchen Garten anders erfassen und gestalten als der weniger kundige Gartenlaie.

Eine Monokultur lässt die besonderen Pflanzen verschwinden oder gar aussterben. Wir Menschen müssen oft pflegend eingreifen, wenn wir nicht Unkraut, welches das Schöne und Besondere verdrängt, zulassen wollen. Die zunehmende Kenntnis und das Wissen über seltene und weniger bekannte Pflanzen lässt uns die Natur zunehmend spannender und wertvoller erleben. Das gilt auch für die Musik: Wir in der Rolle als Hörer tragen immer Mitverantwortung. Wir müssen unsere Hörgewohnheiten, unser Qualitätsanspruch und unsere Fachkenntnis immer wieder mit Neuem füttern. Die Reihe der Hospitalkonzerte „Neues in alten Räumen“ ist nicht nur unter diesem Aspekt eine mehr als glückliche Entwicklung!

Dank an das Publikum, das immer wieder dabei ist, Dank an Mark Brenken und sein Quartett für diesen wunderbar belebenden Abend!

Stefan Reitz

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