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Joachim-Schoenecker-Trio

„Dreierkonferenz“  -  Was ist Musik?

Nachgedanken zum Konzert vom 29.11.2008

Musik ist ihrem Wesen nach nur das, was durch organisierte stetige Veränderung der eigenen Mittel entsteht. Was heißt das: Der Stoff, aus dem Musik besteht, sind Töne, Klänge, Geräusche. In unserem abendländischen Tonsystem gibt es zwölf verschiedene eindeutig festgelegte Töne, jeweils mit den entsprechenden Oktavversetzungen. In einem Musikstück werden diese Töne oder eine bestimmte Auswahl davon in ihrem zeitlichen Zusammenklang (Akkorde) und ihrem zeitlichen Nacheinander (Melodien, Motive, Rhythmen) bewusst organisiert. Dieser Prozess wird mit dem Begriff Komposition umschrieben. Je nach Komplexität, Ideenreichtum, inhaltlichem Zusammenhang und Funktion entstehen dabei mehr oder weniger kunstvolle Musikwerke.

Die drei Urprinzipien solcher musikalischer Gestalten sind Wiederholung, Veränderung und Kontrast. Sie müssen vorausgesetzt werden, wenn man von Musik im eigentlichen Sinn sprechen möchte. Fehlt eine dieser Komponenten, z.B. der Kontrast, also etwas überraschend Neues in einem Musikstück, so besteht die Gefahr, dass diese Musik insbesondere bei wiederholtem Hören langweilig wirkt. 
Fehlen zwei dieser Komponenten, kann sogar eine Zuordnung zur Gattung Musik problematisch werden: die pulsierende, von stetiger Wiederholung gekennzeichnete Abfolge tieffrequenter  Basstöne im Techno sind dafür ein gutes Beispiel. Interessanterweise ist  die Macht solcher (eigentlich) Nicht-Musik so groß, dass ihre Anhänger sie gerade als Musik empfinden. Auf der anderen Seite kann es allerdings auch passieren, dass eine Musik ausschließlich aus Veränderung besteht. Bestimmte Ausprägungen des Free-Jazz in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zeigten diese Merkmale. Der Hörer erlebt genau das Gegenteil: nichts Vertrautes aufgrund von Wiederholung, keine Kontraste, die notwendig sind, um Vertrautes spüren zu können, ständig Neues. Laienhaft als ‚wildes Gedudel’ spezifiziert, wird auch hier eine gewisse Ohnmacht, wenngleich auch auf anderer Ebene,  gegenüber extremen Formen von Musik offensichtlich. 

Was hat bestimmte Komponisten und Musiker berühmt gemacht? Vernachlässigt man bei der Suche nach Antworten einmal die kommerziellen Aspekte, so findet man doch immer wieder die gelungene Balance zwischen den bereits erwähnten drei Gestaltungsprinzipien in einem Musikwerk. Findet ein Komponist zudem dabei noch einen unverwechselbaren eigenen Stil, den nur seine Werke treffen und der von anderen höchstens imitiert, aber nie kopiert werden kann, so ist sein Werk umso wertvoller.
Hierin offenbart sich die musikalische Kunst an sich und ihre Qualität: Das Verknüpfen musikalischer Gedanken, Ideen, Motiven, Melodien zu einer einzigartigen, großen Rede an den Hörer. Alles wird sinnvoll: die Wiederholung, die Veränderung, der Kontrast.

Joachim Schoenecker hat uns mit seinem Trio diesen höchsten Anspruch an die Musik im Konzert in der Hospitalskapelle am 29.11.08 gezeigt. Sein Spiel folgte der traditionellen Musizierform des Jazz: Vorstellung des Themas - Improvisation über das Thema - kurztaktiges Wechselspiel unter den Band-Mitgliedern - Wiederholung des Themas.

Dennoch war vieles einmalig an diesem Musizieren. Fast im Sinne Beethovens waren Schoeneckers Themen und das, was er in der Improvisation daraus entwickelte, eins. Alles gehörte einmalig und unverwechselbar zueinander, baute aufeinander auf. Geschickt schwamm er dabei gewissermaßen gut verstehbar gelegentlich an der Oberfläche, fand aber immer wieder die notwendigen Tiefen, um seinen thematischen Ansprüchen gerecht werden zu können. Alles, was er sagen wollte war wichtig. Und er sagte es jedem im Publikum. 

Eine zweite Ebene dieser Kunst gesellt sich dazu. Sie ist nur in der Jazz-Musik vorzufinden: das Entwickeln musikalischer Ideen im Gespräch mit den anderen Musikern. Eine Art Dreierkonferenz, die so nur in der Musik möglich ist. Alle reden miteinander, hören zu, kommentieren, kontrastieren – alle gleichzeitig,  jeder auf seine Art:

Joachim Schoenecker spricht in der Klangwelt seines großen Vorbildes, Wes Montgomery, nicht über Lautstärke sondern mehr über innere Intensität. Das was er sagen möchte, verdichtet sich schnell. Es bedarf immer wieder virtuoser Spieltechniken, um die Gedanken zum Ausdruck bringen zu können. Geschickt gibt er sich jedoch rechtzeitig immer wieder Raum für kurze Verschnaufpausen und musikalische Provokationen. Dadurch ist er im Vergleich zu seinem Vorbild deutlich progressiver.

Jonas Burgwinkel, das große junge Nachwuchstalent unter den deutschen Jazz-Schlagzeugern versteht dieses Spiel sehr gut. Manchmal jugendlich überschwänglich. Er beteiligt sich mit ungebrochener Energie an dem, was Joachim Schoenecker zu sagen hat und spart nicht mit Kommentaren.
Obzwar physikalisch nicht möglich, kennt das menschliche Empfinden andere Dimensionen: Die Energien vermehren sich oft über das Mögliche hinaus:  erstklassiger Jazz! 

John Goldsby beherrscht mit seinem Spiel auf dem Kontrabass diese komplexe Situation. Man würde ihn eigentlich erst bemerken, wenn er fehlen würde. Er spricht von allen drei Musikern die wenigsten Worte / Töne. Alles was er sagt, ist Ergebnis perfekten Zuhörens auf die anderen. Er hält die unzähligen Ideen von Gitarre und Schlagzeug in einer Weise zusammen, wie sie nur unter den erfahrendsten Musikern zu finden ist. Weltklasse!

So soll es auch sein. Musik, nein - gute Musik - entsteht nur dort, wo dieses aufeinander Hören existiert. Das setzt Bereitschaft, musikalischen Geist und in diesem Fall auch Beherrschung des Instruments voraus.

Wir im Publikum konnten mitten drin sein in dieser hoher Kunst. Es spielt dabei letztlich keine Rolle, ob es sich um eine auf dem Papier geschaffene Komposition von Bach, Mozart oder Beethoven oder um eine weitgehend spontan entwickelte, improvisierte Musik handelt. Entscheidend ist immer das Vorhandensein sinnvoller, musikalischer Gedanken und deren kunstvolle Verknüpfung auf der einen Seite und diesem gerecht werdende Musizieren auf der anderen. Nur so werden auch wir als Hörer in die Tiefen guter, entwickelter Musik („E-Musik“) gelangen und diese kennen und verstehen lernen. Wer nicht auf die Kunst zugeht, wird sie auch nicht verstehen lernen.

Ganz im Sinn der Konzertreihe „Hospitalkonzert – Neues in alten Räumen“ gelang es auch diesmal:  Jeder, der einen Platz in der voll besetzten Kapelle an diesem Abend  fand, konnte sich freuen und  stolz darauf sein, dass er an diesem wunderbaren Prozess musikalischer Gestaltung teilhaben konnte.

Und, Joachim Schoenecker, Jonas Burgwinkel und John Goldsby haben uns ebenso als ein ganz besonderes Publikum erlebt und verstanden. Sie möchten gerne wieder zu uns kommen.

Danke!

Stefan Reitz

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