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Sacred Concert

Darf geklatscht werden?

Nachgedanken zum Konzert am 22. und 23.08.2008

„Vom akustischen und ästhetischen Standpunkt aus gesehen, entbehrt es nicht einer gewissen Merkwürdigkeit: Man erwartet Musik, das Geordnetste vom Geordneten, aber zunächst ist da einmal Lärm klatschender Hände, und ist die Musik zu Ende, das Komponierte, Geprobte, in jedem Laut Durchdachte, erfolgt abermals das chaotische Geräusch. Kunst, die schöne, wird eingerahmt und durch ein ganz und gar Unschönes, einen Inbegriff von Kunstlosigkeit. ….“

So schrieb der Freiburger Musikwissenschaftler Johann Heinrich Eggebrecht (1919-1999) in seinen Reflexionen über „Musik und das Schöne“, München 1997.

Eine „Geistliches Konzert“ bewegte am 22. und 23. August 2008 das Innere der Hospitalskapelle Treysa.  Es wurde in der Vorankündigung nicht zu viel versprochen. Nein – eigentlich zu wenig:  Die beiden Konzertabende machten in einer Art ergriffen, dass man unsicher wurde. Durften die üblichen Konzertklischees zum Einsatz kommen? Klatschen vorher, während, hinterher. Durfte man zwischendurch den Raum verlassen, war Husten störend, wohin mit dem Getränk?. Das war etwas selten Erlebtes: Die Kapelle mit ihrer besonderen Aura, die sich längst über geistlich und weltlich hinweg gehoben hat, ließ 23 Musizierende und 80 Hörer an jedem der beiden Abenden  für eine Stunde in einer anderen Welt so nah werden, dass man sich fast ohnmächtig fühlte, mit den üblichen Formen der Konzertwelt zu reagieren: Klatschen vorher, Klatschen während und Klatschen hinterher – weil es so üblich ist?  
Neues in alten Räumen: Es war nicht nur eine neue Musik, die an den beiden Abenden mit Duke Ellingtons „Sacred Concert“ hier erklang, es war auch eine neue Herausforderung an das Publikum: 160 Kenner und Liebhaber aller Altersgruppen verspürten Freude und Rührung bei dieser Musik. Sie ließ sie unsicher werden, ob die gewohnt Art der Bekundung erlaubt war. „Durfte mittendrin geklatscht werden?“,  „Ich hätte so gerne geklatscht, war mir aber unsicher, ob es stören würde….“

Natürlich durfte geklatscht werden. Johann Heinrich Eggebrecht hat nach jeder seiner Vorlesungen Applaus von den Stundenten erhalten. Auch ich hatte mitgeklatscht. Er hat sich nach meiner Erinnerung darüber gefreut und bedankt.

Ich zitiere noch einmal Eggebrecht:
 „… Hier nun sprechen wir über Musik und denken dabei – selektiv – an ein Konzert. Und wir beginnen mit den Darbietern des Konzertes, den Empfängern des Beifalls. Sie haben in der Regel schon während der Schulzeit Musik betrieben, dann Musik studiert und zu ihrem Beruf erwählt; sie haben – wie man so sagt – ihr Leben der Musik gewidmet und dies immer mit der Vorgabe und dem Ziel des öffentlichen Auftretens, der Bewährung vor einem Publikum. Und nun haben sie sich auf das Konzert intensiv vorbereitet und sich angestrengt, ihr Bestes zu geben. Sie stellten sich auf die Probe. Sie sind ein Risiko eingegangen. Sie haben sich verausgabt. Und da die Musik ihrem Wesen nach und so auch bei ihrer Ausführung beständig etwas zutun hat mit dem Empfinden, der Seele, dem Inneren, und weil die Musik auch in diesem Sinne Leben ist, haben sie in ihrer Darbietung der Musik ihr Leben nach außen gekehrt, dargereicht, der Beurteilung anheimgegeben. Die Darbieter möchten ‚ankommen’, das heißt sie möchten aus ihrem existentiell Inneren heraus Eingang finden ins existentiell Innere, ins Empfinden, in die Seele der Hörer. Sie stiften durch Musik den Zustand der ästhetischen Identifikation, der Einswerdung von Musik und Hörer, und sie möchten diese Einswerdung so optimal ermöglichen, dass sich der Hörer auch mit dieser Ermöglichung, dieser Veräußerung von Innerem, innerlich identifiziert. So erwarten die Darbieter den Beifall; sie Benötigen ihn; sie ernten ihn. Das Klatschen, auch Trampeln und Raufen in der Intensität des chaotischen Geräuschs ist Bemessung ihres Ankommens. Es gibt ihnen zurück, was sie gegeben haben. Und indem sie im Beifall den Dank des Publikums empfangen und sich nun ihrerseits dankbar verbeugen, entsteht für die Dauer des Chaos eine nach außen gekehrte Brücke zwischen zwei Innerlichkeiten, die eine Zeitlang beisammen waren….“ (a.a.O.)

Nach meiner Einschätzung lag hier die Unsicherheit: Man wollte auch während des Werkes an einigen Stellen klatschen, hatte jedoch Angst, dieses Gefühl des gemeinsamen ‚Ver-rückt-seins’ in die besondere Welt dieser Musik zu stören oder zu zerbrechen. Ellington hat es uns in dieser Hinsicht nicht leicht gemacht: Seine Ideen entstammen aus einer musikalischen Welt, in der fortwährend bewegt, geschnippst, getanzt und geklatscht wird. Andererseits verdient dieses Werk – nicht zuletzt durch  die überarbeitete Fassung von John Høybye und Peder Pedersen – auch konzentriertes Zuhören und Verinnerlichung der Gefühle. Dazu kommt die inhaltliche Gegenüberstellung zu den traditionellen geistlichen Konzerten in Form von Kirchenkonzerten, Oratorien und Passionen. Sie sind bezüglich des Klatschens in unserem Kulturraum nicht nur an Konventionen geknüpft. Es ist auch eine besondere Form der Haltung, die uns diese Art von europäischer geistlicher Musik anerzogen hat, um sie erfahren zu können. Klatschen mitten in einer Aufführung der Johannespassion von J.S. Bach würde das Gesamtwerk zerstören.  Ellingtons ‚Sacred Concert’ war nicht minder ernst zu nehmen, verlangte aber nach anderen Formen des Verhaltens im Publikum. 

War die Unsicherheit, ob man klatschen durfte, nicht letztlich Ausdruck eines kundigen und ergriffenen Publikums: Es zeigte Respekt vor der Musik auf der einen Seite, auf der anderen jedoch auch das nur schwer zu beherrschende Bedürfnis, Freude und Anerkennung bekunden zu wollen.
Es war eine Folge des "Verzaubert sein" von Musik. Man sollte deshalb keine Antwort suchen, nicht Entzaubern, um nicht in traditionelle Höflichkeitsmuster abzurutschen.

Uns Musizierenden ging es nicht anderes: Die mühevollen Chorproben hatten uns schon sehr dicht an die Besonderheiten dieses Werkes herangebracht. Spätestens jedoch durch das Hinzukommen des Solo-Sopran-Parts, gesungen und interpretiert von Barbara Kupfer-Baumert, gab es für uns eine Vorahnung auf andere als die bisher vertrauten Musikwelten. Die Klangräume einer Fassung für Chor und Big-Band auf ein Trio zu übertragen, setzt nicht nur Arrangierkenntnis voraus. Vielmehr ist es die unabwendbare Fähigkeit aller Musiker im Jazz-Trio, die Sprache dieser Musik verstehen und gemeinsam sprechen zu können.
Thomas Bauser (Klavier), Denis Jabusch (Kontrabass) und Stefan Leibinger (Schlagzeug) konnten sich einmal mehr in dieser ‚neuen kulturellen Mitte Deutschlands’ begegnen und eine erstklassige Verschmelzung von Hobby-Chorsängerinnen und Chorsängern,  einer mehr als klassisch brillianten Sopranistin und ihren eigenen, individuellen Ausdrucksformen von Musik  ermöglichen.

So sollte es sein: Das Ganze wurde mehr als die Summe seiner Einzelteile. Dank an alle, die mitgemacht haben und dabei waren.

Stefan Reitz

Das schrieb die lokale Presse>>

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